Claus Reitans Filmkritik zur Filmpremiere „Dil Leyla“

So sehen Schicksale von Menschen aus, die mit Krieg konfrontiert werden. Leyla Imret verliess als vierjähriges Mädchen ihre türkische Heimatstadt Cizre, nachdem ihr Vater unter Verdacht für die kurdische PKK tätig zu sein erschossen worden war. Zwanzig Jahre später kehrt sie aus Deutschland zurück und wird 2014 mit überwältigender Mehrheit zur Bürgermeisterin gewählt.

Leyla engagiert sich für ihre kurdischen Landsleute, gerät in das Visier des türkischen Staates. Ihre Stadt wird – auch wegen der Schlachten um Syrien – Kriegsschauplatz. Sie wird 2015 unter Ausnahmezustand ihres Amtes enthoben, wegen Verdacht staatsfeindlicher Aufrufe mehrmals verhaftet. Ihre Spur hat sich inzwischen verloren, aber ein Film ist ihr gewidmet: „Dil Leyla“, das filmische Porträt der engagierten Politikerin Leila Imret durch die junge deutsche Produzentin Sabrina Proske wurde zum Auftakt der Europäischen Toleranzgespäche am 30. Mai im Stadtkino Villach als „Österreich-Premiere“ gezeigt.

Produzentin Sabrina Proske und Regisseurin Azli Özarslan stellten das Schicksal der Frau in den Mittelpunkt ihres Filmes und ihrer Betrachtungen. „Sie wollte für ihre Heimat, für ihr Volk, für die Kurden tätig sein, ihrer Stadt eine Bürgermeisterin sein“, sagte Proske in der anschließenden Podiumsdiskussion. Das Engagement der Mittzwanzigerin Leyla und ihre Courage sind beeindruckend. Die Art, wie sie politisch entmachtet und beseitigt wurde, lässt den Atem stocken. Der Film soll, wie die Filmverleiherin Christa Auderlitzky betonte, nun in Kinos und für Jugendliche gezeigt werden, Gespräche mit Fernsehstationen über Ausstrahlung oder Aufnahme des Themas in bestehende Sendeformate seien im Gange.

Auf die außerordentlich unübersichtliche und von gegensätzlichen Interessen geprägte politische Lage in der Türkei wie im Nahen Osten verwies der Präsident der Toleranzgespräche und langjährige Abgeordnete zum Europäischen Parlament, Hannes Swoboda. Die Kurden seien nicht so homogen, wie es oft vermittelt werde. Die türkische Regierung habe auch für Kurden die Lebensbedingungen teilweise verbessert, was allerdings die politischen und menschenrechtlichen Probleme keineswegs überdecken kann und darf.

Der Autor Serafettin Yildiz, profunder Kenner der Geschichte des Mittleren Ostens und der gegenwärtigen Verhältnisse, meinte denn auch, möglicherweise hätten einige Leute mehr Interesse an Konflikten als am Frieden. Mag sein, es besiegelte jedenfalls das Schicksal von Leyla Imret. (Claus Reitan)

Fotos auf Fotodienst

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